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Tipps von der Mediatorin: Die einfachste Formel, um im Streitgespräch gelassen zu bleiben

Damit hatte Herr Münter nicht gerechnet: Er wollte sich in einer ganz unkomplizierten Sache nur schnell mit seinem Kollegen absprechen. Da erfuhr er, dass es unvorhergesehene Schwierigkeiten gab, für die sein Kollege ihn verantwortlich machte. Herr Münter war so schockiert über den ungerechten Vorwurf, dass er vor Wut gar nicht wusste, was er sagen sollte. Er versuchte sich zu rechtfertigen, wurde vielleicht etwas pampig, ein Wort ergab das andere, das Gespräch eskalierte. Im Nachhinein ärgert sich Herr Münter, dass ihm das passiert ist und er nicht sachlich geblieben ist.

Das ist ein bekanntes Phänomen: sobald in einem Gespräch die Gefühle überhand nehmen, sind wir nicht mehr in der Lage klar zu denken. Ein altes Muster aus der Steinzeit: In brenzligen Situationen gab es nur Flucht oder Angriff, wer nachdachte, war tot.

Heutzutage hilft uns dieses archaische Muster nicht weiter. Wenn wir mit Vorwürfen, Angriffen oder Kritik überrascht werden, hilft weder Weglaufen noch Draufhauen. Hier punktet, wer souverän reagieren kann.

Um das zu erreichen, prüfen Sie zunächst, ob Sie das einfachste Grundmuster eines Dialogs auch im Streit noch einhalten. Dieses Grundmuster lautet: Reden – Zuhören – Reden – Zuhören. Damit das nicht so banal klingt, und um das Muster etwas genauer zu beschreiben, nennen wir das Modell Ich-Schleife (Reden) und Du-Schleife (Zuhören):

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Ich – Du – Schleife
Ich- und Du-Schleife

Die Ich-Schleife ist dafür da, dass man seinem Gegenüber möglichst vorwurfsfrei sagen kann, was einen stört. Bei der Du-Schleife versucht man herauszufinden, was den anderen stört, bzw. was seine Sicht der Dinge ist. So finden die Gesprächspartner Schritt für Schritt heraus, was einen selbst und den anderen antreibt. Was ist überhaupt das eigentliche Problem? Wofür braucht es eine Lösung? Wenn nacheinander beide Positionen klar werden, wenn genügend Ich- und Du-Schleifen gezogen wurden, befindet man sich in der Regel wieder auf sachlichem Boden, von dem aus auch sachliche Lösungen möglich werden.

So einfach ist das?

Fast. Der größte Störfaktor sind die (meist negativen) Gefühle, die uns daran hindern, sachlich zu bleiben. Hier ein paar Tipps, wie man bei den Schleifen bleibt, ohne sich von seiner Wut, Unsicherheit oder Empörung davontragen zu lassen:

Trennen Sie gedanklich die Ich- Schleife, die Du-Schleife und die Lösungen als drei separate Gesprächsmodule voneinander.
  • Ich Schleife: bleiben Sie nur bei sich, reden Sie von dem, was Sie wahrnehmen, was Sie stört und sagen Sie ruhig, wie es Ihnen dabei geht. Sind Gefühle mal ausgesprochen, funken sie auch nicht mehr so dazwischen. Hüten Sie sich vor Vorwürfen! Auf die wird Ihr Gegenüber ziemlich sicher unkonstruktiv reagieren.
  • Du Schleife: hören Sie Ihrem Gegenüber genau zu, was sie oder er zu sagen hat. Entschleunigen Sie das Gespräch, indem Sie wiederholen, was Sie vom anderen verstanden haben. Bleiben Sie bei Ihrem Gegenüber und holen Sie nicht gleich wieder zum Gegenschlag aus. Nutzen Sie Fragen als Entschleuniger und um den Sachverhalt genauer zu verstehen.
  • Ausreden lassen. Klingt einfach, ist es oft nicht.
  • Erst denken dann reden: Lassen Sie sich Zeit. Fangen Sie erst an über Ihre nächste Ich-Schleife nachzudenken, wenn Sie der Meinung des anderen bis zum Schluss gut zugehört haben. Das erfordert logischerweise eine kurze Denkpause zwischen den Schleifen.
  • Lösungen: Fangen Sie erst an nach Lösungen zu suchen, wenn Sie ganz sicher sind, dass beide Gesprächspartner das Problem wirklich verstanden haben. Das dauert oft länger als man meint.

Das Modell der Ich- und Du-Schleife hilft dabei, sich auf den konstruktiven Gesprächsablauf zu konzentrieren, statt sich um Kopf und Kragen zu reden. Wer in der Du-Schleife die richtigen Fragen stellt, führt das Gespräch souverän. Pausen entschleunigen und wirken deeskalierend.

Wenn Herr Münter in diesem Konfliktgespräch besser den Überblick behalten hätte, hätte er rechtzeitig gemerkt, wann es aus dem Ruder lief und er hätte das Gespräch wieder auf das Wesentliche zurückführen können. Wer durch die Ich- und Du-Schleifen einen klaren Kopf behält, ist konfliktkompetent, bleibt gelassener und wirkt dadurch souveräner. Zusätzlich spart es einem die schlechten Gefühle im Nachhinein und die Notwendigkeit, wieder etwas geraderücken zu müssen.

Autorin: Kristina Henry

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