Blog

Tipps von der Mediatorin: Wie ein kleines Wörtchen Wunder wirkt.

shutterstock_111180545

„Ja, aber…“ macht nur aggressiv, das Zauberwort heißt UND

„Stellen Sie sich vor, Sie führen eine Diskussion über die Vor- und Nachteile vegetarischer Ernährung. Sie sind Fleischesser, Ihr Gesprächspartner strikter Vegetarier.“ So beginnt die Anleitung für eine Diskussionsübung in meinen Kommunikationsseminaren. Einzige Regel: jeder Satz muss mit „Ja, aber…“ anfangen. Die Teilnehmer legen los:

Peter: „Ich esse kein Fleisch, weil Tiere auch Lebewesen sind, die ich respektiere und nicht töte.“
Anna: „Ja, aber ohne Fleisch fehlen dir wichtige Nährstoffe.“
Peter: „Ja, aber Vegetarier leben insgesamt gesünder als Fleischesser.“
Anna: „Ja, aber immer nur Gemüse essen finde ich langweilig.“ …

Nach 5-minütiger Diskussion erzählen die Teilnehmer, wie es ihnen in der Übung ergangen ist: Sie bemerken, dass die Diskussion sich schnell erhitzt hat und sich eigentlich nur im Kreis drehte. Letztendlich ging es nur darum Recht zu haben. Es wurde ziemlich laut, viele fanden die Stimmung sogar aggressiv. Andererseits hatten manche in dieser Übungssituation auch Spaß an dem Schlagabtausch nach dem Motto „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“. Es geht nur darum, wer schneller mit seinem nächsten Argument gegenhält. Die Diskussion gerät in eine Sackgasse, in der es kaum mehr um die Qualität der Argumente, sondern nur noch ums Gewinnen geht.

Warum sind solche „Ja, aber“- Diskussionen so wenig zielführend?

Annas „Ja“ deutet an, dass sie Peters Standpunkt verstanden hat, seine Meinung gehört hat und weiß, worauf er hinauswill. Eigentlich eine schöne Geste, das Gesagte des anderen, wenn auch sehr verkürzt, wertzuschätzen.

Lange kann sich Peter jedoch nicht in seiner Wertschätzung sonnen. Sofort kommt das Aber, mit dem Anna wieder zu ihrem eigenen Argument kommt. Genauso geht es in der Diskussion weiter: Annas interessante Idee mit den Nährstoffen wird mit dem nächsten „Ja, aber“ gleich wieder über den Haufen geworfen. Man könnte sogar sagen, das „aber“ verneint den vorausgegangen Satz komplett. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Diskussion erhitzt. Jedes Argument muss sofort dem nächsten weichen. Gewonnen hat das letzte Wort.

Jetzt folgt die zweite Runde in der Diskussionsübung: Probieren Sie bitte zwei Dinge: Wiederholen Sie das Gesagte kurz bevor Sie das „Ja, aber“ durch ein „Und“ ersetzen:
Peter: „Ich esse kein Fleisch, weil Tiere auch Lebewesen sind, die ich respektiere und nicht töte.“
Anna: „Du findest, Lebewesen sollten respektiert und nicht getötet werden. Und ich glaube, ohne Fleisch fehlen dir wichtige Nährstoffe.“
Peter: „Aha, du meinst, mir fehlen tierische Nährstoffe. Und ich weiß, dass Vegetarier insgesamt gesünder leben als Fleischesser.“
Anna: „Fleischesser leben ungesünder als Vegetarier? Und gleichzeitig finde ich, dass nur Gemüse einfach langweilig schmeckt.“ …

Oberflächlich gesehen ist der Unterschied in dieser Diskussion nicht sehr groß, außer dass sie länger dauert. Dann lassen Sie uns mal genauer hinschauen: Durch die Wiederholung entsteht eine Verlangsamung des Gesprächs. Das ist richtig. Teilnehmer berichten bei dieser Übung, dass sie erst durch die Wiederholung tatsächlich verstanden haben, was Ihr Gegenüber gesagt hat. Nicht, weil sie die Wörter nicht auch vorher gehört hätten, sondern weil sie in der „Ja, aber“-Übung mehr damit beschäftigt waren, ihr eigenes Argument im Geiste vorzubereiten, als tatsächlich zuzuhören. Wenn ich das Gesagte wiederholen soll, muss ich einfach besser aufpassen. Da ich erst nach der Wiederholung dazu komme, mein eigenes Argument zu formulieren, entsteht vielleicht sogar eine kleine Pause. Das ist wertvoll für die Diskussion, wenn auch für manche schwer auszuhalten.

Außerdem gibt die Wiederholung die Gelegenheit zur Korrektur. Wenn Peter es anders wiederholt, als Anna es gemeint hat, kann sie gleich eingreifen. So wird Missverständnissen vorgebeugt. Die Stimmung bei dieser zweiten Diskussionsrunde ist deutlich entspannter. Anstrengend ist sie trotzdem, denn man muss nun mehr auf den anderen eingehen und seine eigenen Argumente mehr auf den Prüfstand stellen, ob sie nach dem Gesagten überhaupt noch passen. Vermutlich würde sich auch in unserem Beispiel die Argumentationskette schon nach dem ersten Satz ändern. Sie sind nur der Verdeutlichung halber gleich gewählt worden.

Das kleine Wörtchen UND

Ein Aber verneint den vorangegangenen Satz, ein UND stellt beide Sätze nebeneinander. Das UND passt also gut in eine Diskussion zwischen wirklich Interessierten. Peter hat Respekt vor den Lebewesen, und daneben steht Annas Sicht auf die Nährstoffe. Das schließt sich ja nicht aus. Das UND ist neutral und lässt dem Sprecher die freie Meinung: Ich kann Deinen Standpunkt verstehen, ihn wertschätzen und so stehen lassen UND kann ganz anderer Meinung sein.

Die Argumente haben sich in dieser Runde zwar inhaltlich nicht geändert, aber die Haltung ist deutlich wertschätzender: Die Meinungen bleiben gleichwertig nebeneinander stehen, statt immer wieder mit dem Aber weggewischt zu werden. Die Teilnehmer berichten, dass sie in dieser zweiten Diskussionsrunde viel offener waren, dass man sich mehr auf die Diskussion und den Gesprächspartner einließ und man die verschiedenen Sichtweisen eher akzeptieren konnte als in der ersten Runde.

Typische Teilnehmerfragen:

„Klingt das nicht komisch, wenn ich alles wiederhole?“
Bei dieser Diskussionsübung soll jede Aussage stur wiederholt werden, das ist wie beim Training eines einzelnen Muskels. In Wirklichkeit wiederholen Sie bitte nicht jeden Satz. Auch die unter Fachleuten belächelte Formulierung „Hab ich Sie also richtig verstanden, dass…“ sollte nicht überstrapaziert werden. Feilen Sie an Ihren Wiederholungen. Hauptsache, Sie bleiben länger bei dem Gedanken Ihres Gegenübers. Fragen Sie nach, fassen Sie zusammen. Probieren Sie aus, wie viele Wiederholungen Ihr Gespräch verträgt.

„Was hilft mir meine wertschätzende Diskussionskultur, wenn der andere weiterhin beim „Ja, aber“ bleibt?“
Sie kennen jetzt die Wirkung und können reagieren: Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Bitten Sie ihr Gegenüber kurz zusammenzufassen, wie er Ihre Meinung verstanden hat. Wiederholen Sie selbst Ihren Gedanken, wenn Ihr Gegenüber Sie nur übertrumpfen will. Verlangsamen Sie das Gespräch. Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es (meistens) wieder raus.

Es reicht also, das Argument des Gesprächspartners zu wiederholen und das „aber“ durch „und“ zu ersetzen, um dem Gespräch einen ganz anderen Lauf zu geben. Mit diesem kleinen rhethorischen Kniff merkt man, dass Sie wirklich an den Gedanken Ihres Gesprächspartners interessiert sind. Durch das langsamere Gesprächstempo haben auch Sie selbst mehr Zeit, ihre Sichtweise zu durchdenken, wodurch Sie etwas über sich, Ihren Gesprächspartner und über das Thema dazuzulernen können.
Eine wertschätzende, entschleunigte Diskussion fördert nicht nur die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern, sondern gibt auch den Argumenten auf sachlicher Ebene mehr Raum. So lassen sich zu guter Letzt sogar nachhaltigere Ergebnisse aus solch einer Diskussion ziehen.

Autorin: Kristina Henry

Tipps von der Mediatorin: Wie ein kleines Wörtchen Wunder wirkt.
Markiert in:         

2 Gedanken zu „Tipps von der Mediatorin: Wie ein kleines Wörtchen Wunder wirkt.

  • So, 5. Mrz 2017 um 12:55
    Permalink

    Liebe Frau Oswald,
    Danke für Ihre Nachricht. Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei den zukünftigen UNDs. Wenn Sie Lust haben, schreiben Sie uns doch, wie es klappt, und was das Ersetzen von „ja, aber … „bei Ihnen bewirkt. Viele herzliche Grüße, Kristina Henry

    Antworten
  • Sa, 4. Mrz 2017 um 07:16
    Permalink

    Ein wirklich sehr interessanter Ansatz!
    Ich hab über „ja aber“ noch nie so wirklich nachgedacht. Werde das direkt mal ausprobieren.
    Vielen Dank für den Artikel

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 × 1 =